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Do. , 20. Oktober '05 - Wohin führt der Weg?

Das Schicksal nimmt seinen Lauf...

Wenn die Sonne scheint, sagt man immer, ..wenn Engel reisen, aber ich sage, ...wenn Engel einen begleiten.
Eure e-mails zeigen immer, wie sehr Ihr alle ganz nah bei uns seid - und diesen Kick brauchen wir gerade jetzt dringend. Als wir in der ersten Woche unterwegs waren, meinten wir, die ersten zwei Wochen sind wahrscheinlich die schlimmsten, und dann geht es von allein. Aber jetzt muss ich sagen, so langsam ist die Luft raus, die Kräfte schwinden merklich und die Regeneration, besonders nach den Gigs am Wochenende, braucht immer länger.
Wir gingen durch Täler, überschritten Höhen, und es ist wie im richtigen Leben – Höhen und Tiefen.
Beim Laufen frage ich mich manchmal, liegt Universal Music im Tal, oder auf einem Weg zu einer unbestimmten Höhe? So langsam kriege ich weiche Knie bei dem Gedanken. Ich glaube, jeder kennt das Gefühl, man macht einen Termin beim Zahnarzt, und je näher der kommt, um so mulmiger wird einem. Schön, dass meine ganze Familie dabei ist, so bin ich doch oft abgelenkt von meinen Gedanken, wenn man in sich gekehrt quer durch Deutschland vor sich hinläuft.
Heute sind wir in Bad Düben angelangt, ein sehr schöner Ort hinter Leipzig. Der Vormittag war wieder mal spannend, denn ein Kamerateam von Leipzig Fernsehen drehte eine Reportage über uns. Da fast ganz Leipzig momentan eine Baustelle ist, drehten wir außerhalb, am Winneberg. Das Team arbeitete sehr professionell, und kurz nach Mittag war alles "im Kasten", und wir machten uns wieder auf den Weg (und hätten uns bei der Beschilderung - Foto - fast verlaufen... alle Wege führen nach... Rom??? Berlin???). In Bad Düben fanden wir das wunderschöne Country Lokal "Goldgräber", und bei guter Musik liessen wir den Abend bei erstklassigen Spare Ribs und Wedges ausklingen.
Sorry, dass ich heute nicht so viel schreibe, aber ich bin hundemüde (wie Julchen) und hau mich jetzt ins Bett.
Morgen ist der letzte Lauftag in dieser Woche, und wir freuen uns schon auf den Gig am Wochenende in Scharfenberg, denn Musik ist einfach das, wofür ich geboren bin.

Seid alle umarmt da draußen!

Es ist gut, wenn man an Berge kommt. Man bietet dann die Kraft auf, sie zu übersteigen. - Paul Johann Anselm Feuerbach


So. , 23. Oktober '05 - Tausend Gedanken im Kopf

Noch eine Woche – plötzlich ist Berlin so nah.

Sorry, dass ich mich jetzt erste melde – war Freitag zu erschlagen, musste erst einmal meine Gedanken sammeln, die mit jedem Schritt mehr werden, in meinem Kopf schwirren und sich um "meine" Hauptstadt Berlin drehen. Tausend Fragen: Sind die Postkarten bei Universal angekommen? Was wird in Berlin passieren? Wer kommt alles und läuft die letzten Kilometer mit? Die Harley-Freunde mit befreundeten Clubs und andere haben sich ja angekündigt, und ich habe jetzt schon – nicht nur beim Motorsound – Gänsehaut. Fans – und ich sage schon immer lieber: Freunde haben von Bremen oder Nürnberg aus Flüge nach Berlin gebucht, der Campingplatz in Berlin, an dem sich alle mit uns treffen wollen, ist seit Freitag ausgebucht.
Manchmal – wenn ich ehrlich bin – bin ich nicht nur "stolz" auf Euch wie auf den Medienrummel: wenn ich höre und lese, wie viele in Berlin warten, wenn täglich auf meiner Website viele Hunderte von Besuchern sind, wird’s schon schwer auf meinen Schultern. Es war vor fünf Wochen so einfach, mal loszulaufen. Doch es ist nach all den Wochen quer durch Deutschland mehr daraus geworden, als ich jemals eingeschätzt hatte. Die vielen Augen im Rücken, die beiden Nominierungen – ich werde zum "öffentlichen Menschen", wie mal ein Schauspieler sagte.
Dads Erfahrungen, als er noch mit den Großen spielte, bevor er mit mir "Kleinem" auf die Bühne ging, sind da gute Medizin. Aber von anderen höre ich weniger, und wieder andere schicken verächtliche Mails. Bis dahin, dass eine Country-Website meinte, dass "fanatische Fans nerven" und das Thema deswegen "erst mal vom Tisch ist". (Ich habe keine "fanatischen" Fans! Und ich weiß, dass sie nur ins Gästebuch schrieben, wie klasse es ist, dass ich nach Berlin laufe. Aber alle ihre Einträge wurden gelöscht. Kommentarlos.)
Auch egal, meine ersten Erfahrungen mit Missgunst durfte ich schon mit elf Jahren machen, als Mum einen Bus nach Füssen organisierte, wo ich auf dem König Ludwig Musical den Prinz Otto spielte. Freunde hatten gefragt – aber plötzlich hielt uns das halbe Dorf für "überkandidelt", "oberwichtig" und "abgehoben". Wegen einem Bus für ein paar 30 Kilometer?
Aber deswegen berührt mich heute so etwas nicht mehr. Denn was sollte es mir ausmachen, bei all den wahren Freunden, die sich fast täglich melden, und bei all dem, was ich diese Wochen erleben darf: Ich sehe dieses Land durch meinen Lauf in anderen, in bunten Farben – statt in jenem Schwarzweiß aus den Medien über das "Jammertal Deutschland". Wer kann schon erzählen von 700 Kilometern Schritt für Schritt quer durch Deutschland? Und das in meinem Alter? Und mit diesen Freunden und dieser Familie? Das sind die Gründe, die Gitarre niemals in die Ecke zu schmeißen.
Seit knapp drei Wochen bin ich 18 und habe meinen Führerschein (und laufe zu Fuß..., ich glaubs nicht...), aber derzeit überlege ich nicht, z.B. nach Italien oder Spanien zu fahren. Ich denke, ich fahre nächstes Jahr im Sommer die Strecke mit Freunden noch mal ab, werde Hände schütteln mit all den Menschen, die ich getroffen habe, und um hier und dort mit weniger Zeitdruck noch mal genauer hinschauen (z.b. die Nikolaikirche in Leipzig).
Wie sagte Mum neulich in einem TV-Interview? "Früher war es immer die Gastfreundschaft im Süden, die wir so lobten. Aber genau die erfahre ich plötzlich im eigenen Land." Tja, vielleicht sind wir alle lieber, fröhlicher und offener, als wir uns selbst zutrauen.
So, das bin ich nun losgeworden – und kann ich später erleichtert ab ins Bettchen. Ich hoffe, Ihr versteht das und schickt mir nicht einen Psychologen nach Berlin...

bis bald!

"Der Glaube versetzt Berge, der Zweifel erklettert sie." - Karl Heinrich Waggerl

 

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